Libralop

…als sähe niemand zu. Seit 51 Tagen.

2017-02-26

Meine erster Führer bei den Begegnung mit den Mythen der Menschheit war Kirk Douglas. Als Odysseus wandelte er in der Unterwelt, sprach mit toten Seelen, an einem diesseitigen Ort inmitten des Jenseits. Traurige Helden, alte Mütter, versammelt in eine Höhle voll spitzer Kälte, eine einzige Strafe. Vielleicht wollte sich die Antike vor elenden Rückblicken auf das, was hätte erreicht sein können, schützen, in dem sie den Wert des Hier und Jetzt betonte. Der Jammer kommt noch früh genug, Held hin, Muttchen her.

Vor der afrikanischen Küste, auf einer steilen Vulkaninsel steht ein deutscher Reisender und fotografiert im rechten Winkel zur Sichtachse des Polarsterns (431 Lichtjahre) ein Schild, das auf eben diesen zeigt. Der Himmel ist bewölkt, was den Reisenden aber nicht davon abhält, diese Insel weiter zu erkunden, darüber zu schwärmen und das gemachte Bild einem Freund zu widmen. Dieser brach daraufhin alle Vorbereitung für eine Italien-Reise ab und versorgte sich im einschlägigen Reise-Kontor mit allen notwendigen Informationen, um ebenfalls einen Berg zu ersteigen.

Steve Ryan - Stars around Polaris - Day 62 (by-sa)

Aktueller Zustand: Nasennebenhöhlenentzündung (→ Odysseus)

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Sonntag, 26. Februar 2017 · Tägliches Allzutägliches

2017-02-24

Die alte Zeit hat mich gefunden und gemeint, dass ich mich hier nicht vor der Zukunft verstecken kann. Sie hat recht. Andernfalls ist diese Zukunft in Gefahr. Aber ich konnte einen Kompromiss aushandeln: Der alte Platz gehört der alten Zeit und dieser Ort nur mir. Mit dem einen verdiene ich mir das andere.

Ich geriet mit einer Slawistin in einen unschönen Streit während ich Bulgakows Meister und Margarita las. Alles in diesem Buch war mir dadurch vergällt: Namen. Orte. Strukturen. Selbst der Gedanke an Straßenbahnen. (Jetzt wieder Appetit)

Da mir damals Prinzessin Ergotherapie empfahl, meinen noch immer halb steifen Finger feinmotorisch zu fordern, habe ich mir heute eine Ukulele bestellt. Andere Selbstzwecke sind mir zuwider. (Träume von dueling banjo mit dem death-metal-Band-Nachbarn am sommernächtlichen Hinterhof-Grill)

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Freitag, 24. Februar 2017 · Tägliches Allzutägliches

2017-02-17

Vor Gericht gestanden, ernst genommen worden. Tief im Inneren bin ich dankbar darüber, dass wir das Instrument der Gewaltenteilung besitzen, leben, pflegen. Sicher, der Faktor Mensch macht das eigentlich Offensichtliche unberechenbar. Aber er muss sich als Richter auch der Tatsache stellen, dass zweierlei Wahrheiten über ein und denselben Fakt konfliktfrei nebeneinander existieren können, objektiv widerspruchsfrei, subjektiv jedoch konfligierend. Ich würde hier wahrscheinlich verrückt werden.

Das Naturkundemuseum ist ein alter Bau, in den es hineinregnet, deshalb soll es in neue Räumlichkeiten umziehen, irgendwo ins Nirgendwo, ohne ÖPNV-Anschluss, in den blinden Fleck der Randbezirke, wo höchstens Hipster ironisch flanieren und Arbeitslose vorbei in die Trabantenstadt trotten. Ein Schild am Eingang teilt mit, dass ab 30 Personen das Museum überfüllt sei. Der Eintritt kostet einen Euro. Die Exponate sind teilweise noch mit Beschriftungen aus DDR-Zeiten versehen. Durch verschmierte Scheiben starren Otter, Wiedehopf und Springfrosch in die Ausstellungsräume. Alte Ordnungskräfte, die dem Kind erklären, dass an den Dermoplastiken alles Faulende ausgetauscht wird, auch die Augen. »Deshalb macht man die bei der Oma auch als erstes zu«, meint eine Saalwacht, als wir auf einen Löwen zeigen. »Augen bestehen nämlich eigentlich nur aus Wasser und das matschert dann raus«. Im Obergeschoss kuscheln sich ein paar Bienen in einer gläsernen Beute aneinander. 30 bis 40 Tage Lebensspanne im sächsischen Winter. Es geht also immer noch etwas schlechter.

Am Montagmorgen fast weinend unter der Dusche gestanden. Ausgebrannt. Leer. Erschöpft, mehr als nur müde. Im Büro auf die Idee gekommen, Urlaub einzureichen. Festgestellt, dass da noch 16 Tage aus dem letzten Jahr darauf warten, genommen zu werden. Begriffen, woher die Ausgelaugtheit kam. Tulpenzwiebeln im Kleiderschrank, die darauf warten, doch noch in die Erde zu kommen. Man muss Prioritäten setzen können.

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Freitag, 17. Februar 2017 · Tägliches Allzutägliches