Libralop

Glauben, dass es anders sein kann

Der Leser sitzt in der Schule. Eine Lehrerin, alt, hager, ihm relativ unbekannt da überwiegend im Oberstufenbereich tätig, berichtet von Frauen im Arbeitslager. Es geht um faschistische Ausbeutung. Keiner hört richtig hin, zu oft schon sind die Schüler mit Abenteuern standhafter Klassenkämpfer in Berührung gekommen, und jede von ihnen war finsterer und kälter als die vorangegangene.

Alle einte das Bild gramgebeugter, aber unverzagter Helden. Männer, wie wir sie hätten werden sollen. Frauen, wie wir sie stets zu achten hätten. Kinder, deren Bescheidenheit und Verzichtsbereitschaft uns zum Vorbilde gereicht wurden. Nazis waren Hyänen, missgebildete Hunde, denen die Unmoral wie ein Kainsmal in die hässlichen Fratzen gebrannt und die Armbinden gedruckt stand. Die Kommunisten hingegen wurden meist wie Milchkühe dargestellt – stoische, ruhige, gewissenhafte und ethisch gefestigte Personen im Sonnenlicht des marxistischen Glanze weidend.

Aber etwas war heute anders. Die Hagere stand nicht vor der Tafel, sie schritt während ihrer Ausführung durch die Reihen. Während ihr Blick von Schülerauge zu Schülerauge schweifte, nein: während ihr Blick jedes Schülerherz suchte, um einen Satz darin zu verankern, sank die Zeit im Raum auf einen Punkt hinter ihrer Stirn zusammen. Was gestern gewesen sein soll, war jetzt, und ein Morgen war in dieser Erzählung nicht vorgesehen.

Etwas war anders. Im Lager ist es kalt. Die Frauen müssen in ein Bergwerk einfahren, ätzende Flüssigkeiten, vielleicht Chemie-, vielleicht Waffenproduktion. Barfüßig werden sie zur Arbeit gezwungen, etwas muss geschürft werden, ein Mineral oder ein Metall. Und überall Säure, Kälte, Verletzungen, Angst, Mut, Tod.

Die dicken Gesichter der Ernst-Thälmann-Schauspieler, die der Leser bis dahin in den Vormittagsvorstellungen des Kinos gesehen hatte, zählten hier nicht, die wächsernen Farben des Sowjetfilm verblassten zu grobkörnigen Wackelbildern lächerlich schnell wandernder Wochenschaumenschen. Abgehärmte Zeichungen von Kollwitz. Frauen vor schmutzgrauem Hintergrund mit Falten im Gesicht, Kopftüchern womöglich, zerfranst, blutigen Händen und Füßen, auf ewig entstellt, wobei ewig morgen schon vorbei sein konnte.

Eine war anders. Manche Frauen brachen zusammen, diese eine nicht. Einige spionierten in Erwartung eines Kanten Brots für die Lagerwachen die Mitgefangenen aus. Diese eine aber blieb integer. Die Faulen fluchten. Nur sie blieb geduldig. Das Lager war die Hölle und sie ein Kristall, durch den alles deutlich wurde, so unfassbar wie unbeschreiblich.

Und dann kam der Satz, der wie ein Schlag die komplette Klasse in basses Staunen versetzte und ausnahmslos jedem im Raum den Atem nahm:

»Diese Frau war meine Mutter.«

Und wir haben ihr geglaubt.
Alle.

Im Gericht

Erwartet hatte ich eine kühle, ätherische Atmosphäre. Von außen hochamtliches Granitmassiv (barrierefrei), von innen langgezogene Linoleumbahnen, von emsigen Mitarbeitern durchschwommen. Die vorzeitig erschienen Beklagten sitzen ruhig bis gespannt auf langen Holzbänken. Rollkoffer. Aktenwagen. Die Zeugen der Anklage stehen und tigern, die der Verteidigung sitzen stumm nebeneinander als kennen sie einander nicht.

Als sich die Tür öffnet und ein riesenhafter Beamter einen jungen Mann in Handschellen vorbei führt, stößt mich der Pinguin neben mir an. »Doch nicht nur Rechtshandwerk, oder?«. Ich stimme ihm zu, ohne zu wissen, ob wir für das Recht oder das Recht für uns da ist. Aber wie soll man mit einem Pinguin darüber streiten.

Das Warten ist das Schlimmste.

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Im Grunde ist es einfach: Wir spielen. An jedem Ort, allesamt, ständig. Faszinierend daran bleibt, dass es weder Regeln noch Ziel gibt. Die Philosophie mag sich mühen, aber sie wird nie über die Frage hinaus kommen, ob es überhaupt ein Spielfeld gibt und falls ja, wer dort das Gras mäht und die Linien zieht. Nicht dass es nutzlos wäre. Es hält nur vom Spiel selbst ab.

Nicht dass das Netz eine Antwort darstellt.

Aber eine Möglichkeit. Eine Agora.

Unangenehm sind nur die Schiedsrichter, wenn sie, jeder für sich und von den Rändern kommend, ihre selbst ausgedachten Regeln ins Spiel fließen lassen. Verwirrung entsteht, man streitet sich. Nihilistische Hooligans werfen ihre Bierbecher von den Rängen, rütteln an den Zäunen der Vernunft. Das Rasen wird Schlachtfeld.

Holen wir uns das Spiel zurück.
Zu unseren Bedingungen.
Jetzt.

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